Stand: 10.2025
Datenstand: BIÖG Drogenaffinitätsstudie 2025 (Erhebung Frühjahr 2025, Veröffentlichung 23.09.2025); BZgA seit 13.02.2025 = BIÖG; Rechtsrahmen: KCanG (seit 01.04.2024).
Einordnung und Kontext
Deutschland diskutiert seit der Teillegalisierung von Cannabis intensiver über Konsummuster und Gesundheitsfolgen. Für eine belastbare Orientierung lohnt der Blick auf amtliche Zahlen. Das frühere Bundesinstitut BZgA firmiert seit Februar 2025 als Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) und verantwortet weiterhin das Monitoring in der Suchtprävention. Seine aktuelle Drogenaffinitätsstudie zeigt: Unter jungen Erwachsenen ist Cannabis heute klar präsenter als noch vor einem Jahrzehnt.
Was die Zahlen tatsächlich sagen
Im Jahr 2025 berichten 54,5 Prozent der Männer zwischen 18 und 25 Jahren, mindestens einmal Cannabis konsumiert zu haben; bei den Frauen derselben Altersgruppe sind es 40,6 Prozent. 2015 lagen die Vergleichswerte noch deutlich niedriger (41,9 Prozent bzw. 26,6 Prozent). Für die Nutzung in den letzten zwölf Monaten zeichnet sich ein ähnliches Bild: Zwischen 2015 und 2021 stieg die 12-Monatsprävalenz deutlich an; seit 2021 bleibt sie auf hohem Niveau stabil. Das höhere Niveau bei jungen Männern ist konsistent, während die Werte junger Frauen weitgehend konstant verlaufen.
Besonders sorgsam sollte eine Kennziffer gelesen werden, die in Debatten gerne verkürzt wiedergegeben wird: Hinweise auf problematischen Konsum finden sich laut BIÖG bei 13,2 Prozent der jungen Erwachsenen unter denjenigen, die im letzten Jahr konsumiert haben. Das ist keine Quote für alle 18- bis 25-Jährigen, sondern beschreibt einen Anteil innerhalb der Gruppe der aktuellen Konsumierenden. Für die jüngere Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen melden die Daten seit rund zehn Jahren weitgehend stabile Verhältnisse; die auffälligsten Bewegungen finden sich bei Männern im jungen Erwachsenenalter.
Was daraus nicht folgt
Die Studie ist als repräsentative Querschnittsbefragung angelegt. Sie bildet Trends ab, beweist aber keine Ursachen. Es wäre daher zu einfach, eine direkte Gleichung „Gesetzesänderung führt zu mehr Konsum“ aufzustellen. Neben der rechtlichen Lage wirken mehrere Faktoren: gesellschaftliche Enttabuisierung, veränderte Gesprächskultur in Peergroups, eine offenere Angabe in Selbstberichten sowie Verfügbarkeit und Preisniveau. Genau deshalb ist die Entwicklung seit 2021 sorgfältig zu betrachten: Die hohen Niveaus setzen sich fort, ohne dass sich allein daraus ein eindeutiger Legalisierungseffekt ableiten ließe.
Rechtsrahmen: Was seit 2024 gilt
Mit dem Konsumcannabisgesetz (KCanG) sind für volljährige Personen der Besitz von bis zu 25 Gramm in der Öffentlichkeit, bis zu 50 Gramm im privaten Raum sowie der private Anbau von bis zu drei Pflanzen erlaubt. Seit Juli 2024 können Anbauvereinigungen unter Auflagen tätig werden. Diese Regeln beeinflussen Verfügbarkeit und soziale Normen, beweisen jedoch nicht automatisch eine Ursache für Veränderungen in den Prävalenzen. Für die Bewertung von Trends bleiben amtliche Daten und ihre saubere Interpretation entscheidend.
Wie man die Kennzahlen richtig liest
„Lebenszeitprävalenz“ bedeutet, dass jemand irgendwann im Leben konsumiert hat; daraus folgt nicht, dass die Person aktuell oder häufig konsumiert. Die „Zwölfmonatsprävalenz“ gibt an, ob im letzten Jahr Konsum stattfand, trifft aber ebenfalls keine Aussage zur Intensität. Und die BIÖG-Größe zum problematischen Konsum bezieht sich auf den Kreis der aktuellen Konsumierenden, nicht auf die gesamte Alterskohorte. Diese Differenzierungen sind wichtig, damit aus nüchternen Messgrößen keine falschen Schlüsse über Alltagsrealitäten werden.
Praktische Orientierung für junge Erwachsene
Für Einzelne zählt am Ende weniger die Debatte um Prozentpunkte als die eigene Praxis. Wer regelmäßig konsumiert, sollte sich zwei Fragen stellen: Wie oft greife ich tatsächlich dazu – und in welchem Kontext? Konsum zur Entspannung wird in der Forschung risikoärmer eingestuft als ein Konsum, der primär zur Problembewältigung dient. Ebenfalls relevant sind klassische Stolpersteine des Alltags: Mischkonsum mit Alkohol oder Tabak erhöht Unfall- und Gesundheitsrisiken; nach dem Konsum sollte nicht gefahren werden, weil Restwirkungen unterschätzt werden können. Und auch beim Setting lohnt Umsicht: eine verlässliche Umgebung, Pausen, klare Grenzen.
Frühwarnzeichen ernst nehmen
Wer feststellt, dass Konsum häufiger wird als geplant, „automatisch“ erfolgt oder die Leistung in Ausbildung und Job leidet, sollte innehalten. Gleiches gilt, wenn die Dosis spürbar ansteigt, um die gewünschte Wirkung zu erreichen, oder wenn Freizeit und Freundeskreis sich fast ausschließlich um das Thema drehen. Solche Muster bedeuten nicht automatisch eine Abhängigkeit, sind aber gute Gründe, frühzeitig mit einer Beratungsstelle zu sprechen – anonym, niedrigschwellig und ohne Vorbedingungen.
Methodik und Transparenz
Repräsentative Befragung von etwa 7.000 Personen (12–25 Jahre) im Frühjahr 2025. Selbstberichte sind üblich und erlauben valide Trends, können aber Über-/Unterangaben beinhalten. Der wiederholte Einsatz über Jahre macht Verschiebungen sichtbar und ordnet kurzfristige Ausschläge ein.
Fazit
Die Daten des BIÖG zeigen: Der Cannabiskonsum im jungen Erwachsenenalter liegt heute deutlich über dem Niveau von vor zehn Jahren, insbesondere bei Männern. Seit 2021 verharren die Werte hoch, ohne dass aus Querschnittsdaten einfache Kausalgeschichten abzuleiten wären. Für die Praxis heißt das: Aufklärung muss zielgruppengerecht sein, Beratung früh erreichbar, und Kommunikation sollte Kennzahlen korrekt trennen. So bleibt die Debatte nüchtern – und wird den Lebensrealitäten junger Menschen besser gerecht.
Quellen
- BIÖG/BZgA – Pressemitteilung zur Drogenaffinitätsstudie 2025 (23.09.2025)
bioeg.de/presse/pressemitteilungen/2025-09-23-drogenaffinitaetsstudie-2025/
Alternativ: bzga.de/presse/pressemitteilungen/2025-09-23-drogenaffinitaetsstudie-2025/ - BIÖG – Über uns / Aufgabenprofil
bioeg.de/ueber-uns/das-bioeg/ - BMG – Pressemitteilung zur Umbenennung (13.02.2025)
bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/ - BMG – FAQ Cannabisgesetz (KCanG)
bundesgesundheitsministerium.de/themen/cannabis/faq-cannabisgesetz.html - KCanG – Gesetze im Internet (Primärquelle)
gesetze-im-internet.de/kcang/BJNR06D0B0024.html - DHS – Zahlen, Daten, Fakten Cannabis (stützende Kennzahlen)
dhs.de/suechte/cannabis/zahlen-daten-fakten/

