Stand: 10.2025
Seit der Entlassung von Medizinalcannabis aus der Betäubungsmittelpflicht hat sich ein neues Versorgungsmodell etabliert: Telemedizin-Plattformen ermöglichen eine schnelle Anamnese samt ärztlichem Kontakt, anschließend folgt häufig ein Privatrezept – oft mit Versand über angeschlossene Apotheken. Das verschiebt Verantwortung und Risiken spürbar in die Offizinen: zwischen Versorgungssicherheit, Rechtskonformität und spürbarem Preisdruck.
Telemedizin, Privatrezept und Preisbindung
Ein neuralgischer Punkt ist die Preisbindung. Auch Privatrezepte unterliegen der Arzneimittelpreisverordnung. Wenn einzelne Anbieter mit auffällig niedrigen Endpreisen auftreten, erzeugt das nicht nur wirtschaftlichen Druck, sondern verunsichert auch regelkonform arbeitende Apotheken. Transparente Konditionen, klare Abgaberegeln und eine konsistente Rezeptprüfung sind deshalb unverzichtbar – gerade in digitalen Prozessketten.
Apotheken als Inverkehrbringer: Prüfpflichten konsequent umsetzen
Apotheken tragen die Verantwortung für die ordnungsgemäße Abgabe. Dazu zählt die sorgfältige Prüfung von Rezept, Identität und – sofern nötig – der Approbation der verordnenden Ärztin oder des Arztes. Speziell bei Telemedizin und Auslandsbezügen können Unterschriften- und Plausibilitätsprüfungen anspruchsvoll sein. Verbindliche SOPs, dokumentierte Schulungen und klare Eskalationswege reduzieren Haftungsrisiken und sorgen für gleichbleibende Qualität.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Markt & Jugendschutz
Das politische Ziel, den Schwarzmarkt spürbar zu verdrängen, ist bislang nur teilweise erreicht. Über Apotheken werden nach derzeitigem Eindruck deutlich geringere Abgabemengen als früher im informellen Markt verzeichnet. Je nach Umfrage nutzt etwa ein Drittel der Konsumierenden inzwischen Apotheken; Jugendliche und junge Erwachsene beziehen Cannabis jedoch weiterhin überwiegend über private Kontakte. Positiv ist, dass Telemedizin-Plattformen Altersnachweise systematisch prüfen – Jugendschutz wird damit besser operationalisiert, auch wenn er nicht alle Versorgungslücken schließt.
Modellprojekte & Clubs: Tempo bei der Legalisierungspraxis
Als Ausweg werden häufig Modellprojekte (Stichwort regionale Cannabisshops) und Anbauvereine genannt, um Konsumcannabis kontrolliert und rechtskonform verfügbar zu machen. Entscheidend ist Tempo: Beschleunigte Genehmigungsverfahren könnten legale Angebote schneller in die Fläche bringen, damit seriöse Strukturen den Markt tatsächlich prägen. Je klarer Prozesse und Zuständigkeiten definiert sind, desto eher lassen sich Grau- und Schwarzmarkt zurückdrängen.
Therapie-Perspektive: Phytotherapie-Standards statt überbordender Sortenvielfalt
Für den medizinischen Bereich spricht vieles dafür, Cannabis stärker als ein Phytotherapeutikum zu behandeln: Evidenz zu Wirksamkeit und Unbedenklichkeit, konsistente Qualität und nachvollziehbare Beratung sollten Leitplanken sein. Eine Bereinigung der überbordenden Sortenvielfalt – hin zu klar charakterisierten Produkten – würde Beratung, Preisfindung und Qualitätssicherung vereinfachen und spekulative Heilsversprechen eindämmen.
Praxis-Hinweise für Apotheken und Patient:innen
Apotheken sollten ihre Prüfroutinen lückenlos dokumentieren, bei Unklarheiten Rücksprache mit der verordnenden Praxis halten und im Zweifel die Abgabe vertagen. Patient:innen profitieren von transparenten Konditionen, realistischer Indikationsberatung und verlässlichen Nachweisen zur Einnahme und Wirkung.
Fazit
Die Lage ist komplex: Telemedizin erleichtert den Zugang, wirft aber neue Prüf- und Haftungsfragen auf; Preisbindung schützt Fairness, kollidiert jedoch mit aggressiven Marktangeboten; die gewünschte Verdrängung des Schwarzmarkts kommt nur schrittweise voran. Fortschritte sind realistisch, wenn Preis- und Prüfvorgaben konsequent eingehalten, Modellprojekte und Clubs zügig und rechtssicher genehmigt und medizinische Anwendungen evidenzbasiert, qualitätsgesichert und ohne Sortenüberangebot gesteuert werden.
Quellen
- Pharmazeutische Zeitung – „Die Situation ist total verkorkst“ – 17.09.2025 – pharmazeutische-zeitung[dot]de/die-situation-ist-total-verkorkst-158915/
- Gesetze im Internet – Arzneimittelpreisverordnung (AMPreisV), konsolidierte Fassung – gesetze-im-internet[dot]de/ampreisv/
- ABDA – Preisbildung bei Arzneimitteln (Erläuterungen zur AMPreisV) – abda[dot]de/apotheke-in-deutschland/preise-und-honorare/preisbildung-bei-arzneimitteln/
- Bundesärztekammer – Telemedizin/Fernbehandlung (Hinweise und Rahmen) – bundesaerztekammer[dot]de/themen/aerzte/digitalisierung/telemedizin-fernbehandlung
- Deutscher Bundestag – Drucksache 20/15069 (Telemedizinischer Rahmen, 26.02.2025) – dserver.bundestag[dot]de/btd/20/150/2015069.pdf
- Pharmazeutische Zeitung – „Cannabis-Rezept per Fragebogen – Apotheker macht sich strafbar“ – 09.07.2025 – pharmazeutische-zeitung[dot]de/cannabis-rezept-per-fragebogen-apotheker-macht-sich-strafbar-157249/

