Stand: 10.2025
Der Cannabiskonsum nimmt nicht nur bei jungen Menschen zu. Besonders in der Altersgruppe 60+ zeigen aktuelle Befunde aus Europa und den USA seit Jahren einen deutlichen Aufwärtstrend. Neben veränderten rechtlichen Rahmenbedingungen spielen vor allem gesundheitliche Motive wie Schmerz- und Schlafmanagement eine Rolle. Dieser Beitrag ordnet die Entwicklung ein, skizziert Risiken und gibt praxistaugliche Hinweise für einen sicheren Umgang.
Was zeigen aktuelle Daten?
- Deutlicher Anstieg bei 65+
In internationalen Erhebungen hat sich der Anteil der monatlich konsumierenden Senior:innen in den letzten Jahren spürbar erhöht. In den USA liegen die Werte für 65+ inzwischen im mittleren einstelligen Prozentbereich – deutlich mehr als noch Anfang der 2010er-Jahre. - Langfristiger Trend statt Ausreißer
Über mehr als zwei Dekaden ist ein kontinuierlicher Zuwachs zu beobachten. Kliniken und Beratungsstellen berichten parallel über steigenden Informationsbedarf zu Dosierung, Potenz und Wechselwirkungen. - Europa und Deutschland
Europäische Berichte zeigen insgesamt hohe Prävalenzen im Erwachsenenbereich, mit starken Länderunterschieden. Für Deutschland werden die kommenden Surveys mit einer erweiterten Altersabdeckung (bis 85 Jahre) die Dynamik bei Senior:innen präziser sichtbar machen.
Warum konsumieren mehr Senior:innen Cannabis?
- Schmerz- und Schlafmanagement
Chronische Beschwerden nehmen im Alter zu. Viele Betroffene suchen Alternativen oder Ergänzungen zu klassischen Analgetika und Schlafmitteln. - Rechtliche und gesellschaftliche Liberalisierung
Entkriminalisierung/Legalisierung und die medizinische Nutzung senken Hemmschwellen und erleichtern den Zugang zu standardisierten Produkten. - Produktvielfalt und einfache Anwendung
Rauchfreie Darreichungsformen (z. B. Vaporizer, Öle, Esswaren) ermöglichen eine feinere Dosierung und wirken für ältere Nutzer:innen niedrigschwelliger.
Risiken und Stolpersteine im höheren Alter
- Überdosierung bei Esswaren (Edibles)
Die Wirkung setzt verzögert ein. Nachdosieren in der Wartezeit ist ein häufiger Fehler und führt leicht zu unangenehmen Überdosierungen. - Wechselwirkungen (Polypharmazie)
Mit zunehmendem Alter steigt die Zahl dauerhaft eingenommener Medikamente. THC/CBD können Effekte von Blutverdünnern, Sedativa, Antidepressiva u. a. beeinflussen. Ärztliche Begleitung ist zentral. - Kognition, Kreislauf, Sturzgefahr
Sedierung, Schwindel und Blutdruckschwankungen erhöhen das Risiko für Stürze. Auch kurzfristige kognitive Beeinträchtigungen sind möglich – insbesondere bei höheren Dosen und hoher THC-Potenz.
Deutschland im Fokus
- Datengrundlage
Repräsentative Reihen erfassen traditionell vor allem 18–64-Jährige. Mit neuen Erhebungswellen, die 65–85 einschließen, wird der Trend bei Senior:innen künftig belastbarer beurteilbar. - Rechtslage
Die Teillegalisierung schafft einen neuen Rahmen. Seriöse Aussagen zu Effekten auf Prävalenzen benötigen jedoch mehrere Survey-Wellen nach der Gesetzesänderung.
Handlungsempfehlungen für ältere Konsument:innen und Angehörige
- Medizinisch abklären
Vorbestehende Herz-Kreislauf-, Leber-/Nierenerkrankungen, psychiatrische Leiden und umfangreiche Dauermedikation ärztlich besprechen. - „Start low, go slow“
Mit sehr kleinen Dosen beginnen, Wirkung abwarten (bei Esswaren 2–3 Stunden), erst dann langsam steigern. Kein Nachdosieren in der Wartezeit. - Form und Potenz bewusst wählen
Rauchfreie Anwendungen bevorzugen; bei Edibles klar portionieren. Für Einsteiger:innen sind Produkte mit moderatem THC-Gehalt oder ausgewogenem THC:CBD-Verhältnis oft verträglicher. - Sicher konsumieren
Nicht fahren oder Maschinen bedienen. Zu Hause Stolperfallen minimieren, Aufbewahrung kindersicher gestalten, Alkohol meiden. - Wechselwirkungen prüfen
Besonders bei Antikoagulanzien, sedierenden Mitteln und Antidepressiva. Regelmäßig Medikationspläne aktualisieren und ärztlich monitoren.
Fazit
Der Anstieg des Cannabiskonsums bei älteren Erwachsenen ist real und folgt einem längerfristigen Trend. Motive wie Schmerz- und Schlaflinderung sind nachvollziehbar, zugleich wächst der Bedarf an Aufklärung zu Dosierung, Produktwahl und Risiken – insbesondere im Kontext von Multimedikation und Sturzprävention. Für Deutschland werden kommende Datensätze die Lage bei 65+ genauer abbilden. Bis dahin gilt: informiert entscheiden, niedrig dosieren, langsam steigern – und idealerweise medizinisch begleiten lassen.
Quellen
- Bundesministerium für Gesundheit (BMG) – „Cannabisgesetz (KCanG/CanG): Regelungen & Materialien“ – 2024 – bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/cannabisgesetz.html
- Bundesministerium für Gesundheit (BMG) – „FAQ zum Cannabisgesetz“ – 2024–2025 – bundesgesundheitsministerium.de/themen/cannabis/faq-cannabisgesetz.html
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) – „Medizinisches Cannabis: Hinweise für Ärztinnen und Ärzte“ – 2024–2025 – bfarm.de/DE/Bundesopiumstelle/Medizinisches-Cannabis/Hinweise-fuer-Aerzte/_node.html
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) – „Medizinisches Cannabis: Hinweise für Patientinnen und Patienten“ – 2024–2025 – bfarm.de/DE/Bundesopiumstelle/Medizinisches-Cannabis/Hinweise-fuer-Patienten/_node.html
- Europäische Drogenagentur (EUDA, ehem. EMCDDA) – „European Drug Report 2024: Cannabis – Situation in Europe“ – 2024 – euda.europa.eu/publications/european-drug-report/2024/cannabis_en
- Pharmazeutische Zeitung – „Was hat sich beim Cannabiskonsum verändert?“ – 2025 – pharmazeutische-zeitung.de/was-hat-sich-beim-cannabiskonsum-veraendert-155277/
- NYU School of Global Public Health – „Study Finds Growing Cannabis Use Among Older Adults“ (Zusammenfassung zu JAMA Internal Medicine) – 2025 – nyu.edu/about/news-publications/news/2025/june/cannabis-use-older-adults.html
- Pravosud V. et al. – „Cannabis Use Among Older Adults“ – JAMA Network Open – 2025 – jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2833976
(Hinweis: Für Deutschland-spezifische Zeitreihen 65+ siehe ESA/IFT; Überblicksseite: esa-survey.de)
