Keine belegte nationale Cannabiskrise, keine Welle berauschter Gewalttäter, kein gesellschaftlicher Zusammenbruch: Trotzdem erklärte ein mächtiger US-Beamter die Pflanze in den 1930er-Jahren zur tödlichen Bedrohung. Harry J. Anslinger verwandelte einzelne Kriminalfälle, rassistische Feindbilder und wissenschaftlich kaum abgesicherte Behauptungen in eine politische Kampagne, deren Folgen bis heute nachwirken.
Cannabis machte Menschen angeblich wahnsinnig. Es verwandelte friedliche Bürger in Mörder, zerstörte Jugendliche und entfesselte unkontrollierbare sexuelle Begierden. Wer auch nur wenige Züge rauchte, konnte nach dieser Darstellung innerhalb kürzester Zeit zum gemeingefährlichen Verbrecher werden.
So sah das Amerika aus, das Harry J. Anslinger der Öffentlichkeit präsentierte.
Das Problem: Für eine gesellschaftliche Katastrophe dieses Ausmaßes gab es keine belastbaren Belege. Anslinger beschrieb nicht nüchtern die Risiken einer psychoaktiven Substanz. Er formte aus Einzelfällen, Vermutungen und Vorurteilen ein apokalyptisches Bedrohungsbild – und half damit, die Grundlage für eine jahrzehntelange Verfolgungs- und Verbotspolitik zu schaffen.
Bevor Cannabis zum Staatsfeind wurde
Cannabis war in den USA keine unbekannte Droge aus einer abgeschotteten kriminellen Unterwelt. Die Pflanze und ihre Extrakte wurden medizinisch verwendet. 1850 nahm die United States Pharmacopeia Cannabis offiziell als Arzneimittel auf. Ärzte und Apotheker setzten entsprechende Präparate unter anderem gegen Schmerzen, Schlafprobleme und weitere Beschwerden ein.
Erst 1942, fünf Jahre nach dem Marihuana Tax Act, verschwand Cannabis wieder aus dem amerikanischen Arzneibuch.
Auch Nutzhanf war eine traditionsreiche Kulturpflanze. Seine Fasern wurden für Seile, Textilien, Papier und andere Erzeugnisse genutzt. Cannabis war also weder neu noch grundsätzlich verboten.
Allerdings wäre auch die gegenteilige Legende falsch: Cannabis war vor Anslingers Kampagne nicht überall vollkommen frei erhältlich und gesellschaftlich unumstritten. Zahlreiche Bundesstaaten hatten den nichtmedizinischen Gebrauch bereits vor 1937 eingeschränkt oder verboten.
Was jedoch fehlte, war eine landesweite Notlage, die das von Anslinger verbreitete Schreckensbild auch nur annähernd gerechtfertigt hätte.
Es gab keine dokumentierte Welle von Cannabis-Morden. Keine durch Cannabis ausgelöste nationale Jugendkatastrophe. Keine gesellschaftliche Krise, bei der Millionen Amerikaner durch die Pflanze in Wahnsinn, Gewalt und Verbrechen getrieben wurden.
Diese Krise musste Anslinger erst erzählen.
Ein Behördenchef erschafft das perfekte Monster
Harry J. Anslinger leitete von 1930 bis 1962 das Federal Bureau of Narcotics. Damit verfügte er über erheblichen Einfluss auf die amerikanische Drogenpolitik, politische Entscheidungsträger und die öffentliche Debatte.
Anslinger erfand die Ablehnung von Cannabis nicht allein. Lokale Verbote, Warnungen und Vorurteile existierten bereits. Historische Untersuchungen zeigen sogar, dass er eine bundesweite Cannabisregelung zunächst aus praktischen und administrativen Gründen skeptisch betrachtete.
Später änderte er seine Haltung.
Dann wurde aus dem skeptischen Behördenchef der mächtigste Lautsprecher der amerikanischen Cannabispanik.
Anslinger beschrieb Cannabis als eine Substanz, die geistigen Verfall, Raserei, sexuelle Enthemmung und schwerste Gewaltverbrechen auslösen könne. Je nach Konsument führe sie angeblich zu unkontrollierbarem Lachen, Wahnsinn, Mordlust oder vollständigem moralischem Zusammenbruch.
Aus einer psychoaktiven Pflanze mit realen, aber begrenzten Risiken wurde so eine universelle Erklärung für nahezu jedes denkbare menschliche Grauen.
Die Logik war simpel: Hatte ein Täter Cannabis konsumiert, wurde der Konsum als Ursache seiner Tat präsentiert. Dass zeitliches Zusammentreffen noch keinen ursächlichen Zusammenhang beweist, spielte kaum eine Rolle. Ebenso wenig die Frage, wie häufig solche Fälle tatsächlich vorkamen.
Entscheidend war nicht, ob die Geschichte repräsentativ war.
Entscheidend war, ob sie Angst erzeugte.
Aus grausamen Einzelfällen wurde eine nationale Bedrohung
Anslinger sammelte besonders schockierende Kriminalfälle, in denen Cannabis eine tatsächliche, vermutete oder lediglich behauptete Rolle spielte. Diese Zusammenstellung wurde später als „Gore Files“ bekannt.
Darin fanden sich Berichte über Mord, Wahnsinn, Vergewaltigung und sexuelle Enthemmung. Solche Geschichten gelangten in Zeitungen, politische Reden und öffentliche Warnkampagnen.
Die Auswahl folgte keinem erkennbaren wissenschaftlichen Maßstab. Sie zeigte nicht, was typischerweise nach Cannabiskonsum geschah. Sie zeigte, welche Fälle maximalen Schrecken erzeugen konnten.
Aus der Ausnahme wurde die Regel.
Aus einer Korrelation wurde eine Ursache.
Aus einer Pflanze wurde das Böse in botanischer Form.
Besonders wirkungsvoll war die Verbindung mit rassistischen und fremdenfeindlichen Feindbildern. Cannabis wurde mit mexikanischen Einwanderern, Schwarzen und der Jazzkultur verknüpft. Minderheiten erschienen nicht nur als Konsumenten, sondern als Gefahr für die weiße amerikanische Gesellschaft.
Damit erhielt die Kampagne eine zweite Botschaft: Bedroht war angeblich nicht nur die Gesundheit. Bedroht waren die gesellschaftliche Ordnung, die Sexualmoral und die rassistischen Machtverhältnisse des damaligen Amerika.
Cannabis war dafür das perfekte politische Werkzeug.
Die Substanz war vielen Menschen fremd. Ihr Konsum ließ sich bestimmten Minderheiten zuschreiben. Und spektakuläre Kriminalfälle lieferten Bilder, die sich wesentlich besser verkaufen ließen als nüchterne medizinische Erkenntnisse.
Die Presse lieferte die Bühne
Anslingers Kampagne fiel auf einen vorbereiteten Boden. Teile der amerikanischen Presse verbreiteten bereits reißerische Berichte über „Marihuana“, Gewalt, Wahnsinn und moralischen Verfall.
Besonders häufig wird in diesem Zusammenhang der Zeitungsmagnat William Randolph Hearst genannt. Seine Zeitungen veröffentlichten sensationsorientierte Geschichten, in denen Cannabis mit Kriminalität und gesellschaftlichem Niedergang verbunden wurde.
Ob Hearst dabei vor allem wirtschaftliche Interessen verfolgte, etwa den Schutz von Papier-, Holz- oder Baumwollgeschäften, ist historisch nicht eindeutig belegt. Die populäre Erzählung einer zentral gesteuerten Industrieverschwörung geht weiter, als die vorhandenen Quellen tragen.
Dafür braucht es jedoch keine Verschwörung.
Anslinger benötigte keinen geheimen Plan der Baumwoll-, Papier- oder Chemieindustrie. Er benötigte eine sensationshungrige Presse, politisch verwertbare Vorurteile und eine Öffentlichkeit, der immer neue Horrorgeschichten präsentiert wurden.
All das war vorhanden.
Behörde und Medien verstärkten sich gegenseitig. Die Presse lieferte spektakuläre Fälle. Anslingers Behörde verlieh ihnen staatliche Autorität. Anschließend konnten Zeitungen berichten, selbst die Bundesregierung warne vor einer mörderischen Droge.
Aus Behauptungen wurden Schlagzeilen.
Aus Schlagzeilen wurden scheinbare Beweise.
Das Gesetz kam – die Belege blieben aus
1937 verabschiedete der US-Kongress den Marihuana Tax Act. Das Gesetz verbot Cannabis formal nicht vollständig. Es belegte Besitz, Handel und Weitergabe jedoch mit Steuern, Registrierungspflichten, speziellen Formularen und erheblichen Strafandrohungen.
In der Praxis wurde der legale Umgang mit Cannabis dadurch massiv erschwert. Die Regelung gilt deshalb als Beginn der bundesweiten Cannabisprohibition in den USA.
Bemerkenswert war der Widerstand der amerikanischen Ärzteschaft. William C. Woodward trat im Namen der American Medical Association vor dem Kongress auf und kritisierte, dass die medizinische Verwendung von Cannabis unnötig behindert werde.
Die Ärztevereinigung lehnte eine vernünftige Regulierung nicht grundsätzlich ab. Sie warnte jedoch davor, ein möglicherweise wertvolles Arzneimittel durch Sondersteuern, Bürokratie und strafrechtlichen Druck aus der medizinischen Praxis zu verdrängen.
Woodward stellte zudem eine entscheidende Frage: Auf welcher wissenschaftlichen Grundlage beruhte eigentlich die Behauptung, Cannabis stelle eine derart dramatische nationale Gefahr dar?
Eine überzeugende Antwort erhielt er nicht.
Die Warnungen der Mediziner verhallten. Die Horrorgeschichten waren politisch wirkungsvoller als wissenschaftliche Einwände.
Als Forscher nachprüften, zerfiel das Schreckensbild
Wenige Jahre später ließ der New Yorker Bürgermeister Fiorello La Guardia die tatsächlichen Verhältnisse untersuchen. Die New York Academy of Medicine analysierte über mehrere Jahre den Cannabiskonsum in der Stadt sowie dessen medizinische, psychologische und gesellschaftliche Auswirkungen.
Der 1944 veröffentlichte LaGuardia-Bericht widersprach zentralen Bestandteilen der vorausgegangenen Panikmache.
Die Forscher fanden keine Grundlage für die Behauptung, Cannabis sei eine entscheidende Ursache schwerer Kriminalität. Der Konsum führte ihrer Untersuchung zufolge nicht zwangsläufig in eine medizinisch definierte Abhängigkeit. Auch die behauptete Verbindung zu verbreiteter Jugendkriminalität und gesellschaftlichem Zerfall ließ sich nicht bestätigen.
Damit lag nur wenige Jahre nach dem Marihuana Tax Act eine umfangreiche Untersuchung vor, die wesentliche Elemente des staatlich verbreiteten Schreckensbildes infrage stellte.
Anslinger reagierte nicht mit einer offenen Neubewertung.
Er wies den Bericht entschieden zurück, griff dessen Schlussfolgerungen an und hielt an seiner bisherigen Darstellung fest. Erkenntnisse, die das politische Urteil über Cannabis erschütterten, wurden nicht als Anlass zur Korrektur verstanden, sondern als Gefahr für die bereits etablierte Linie.
Die Prohibition hatte ihre Begründung gefunden.
Nun durfte die Forschung sie nicht mehr zerstören.
War Cannabis vollkommen harmlos?
Nein.
Cannabis war auch damals eine psychoaktive Substanz. Es konnte Wahrnehmung, Reaktionsfähigkeit und psychischen Zustand verändern. Problematischer Konsum war möglich. Nach heutigem Wissen können insbesondere häufiger Konsum, hohe THC-Dosen und ein früher Konsumbeginn gesundheitliche Risiken erhöhen.
Doch genau hier verläuft die Grenze zwischen Aufklärung und Propaganda.
Sachliche Drogenpolitik benennt Risiken, untersucht deren Häufigkeit und stellt sie in einen realistischen Zusammenhang. Sie unterscheidet zwischen gelegentlichem Gebrauch, problematischem Konsum, medizinischer Anwendung und industrieller Nutzung.
Propaganda macht das Gegenteil.
Sie nimmt die schlimmsten denkbaren Fälle und erklärt sie zum Normalzustand. Sie verschweigt Unsicherheiten, ignoriert widersprechende Erkenntnisse und behandelt jede Differenzierung wie eine Verharmlosung.
Anslinger entdeckte die Risiken von Cannabis nicht. Er verwandelte begrenzte Risiken in ein apokalyptisches Bedrohungsbild.
Anslinger warnte nicht nur vor einer Droge.
Anslingerer schuf einen Staatsfeind.
Kein Alleintäter – aber der mächtigste Propagandist
Es wäre historisch zu einfach, die gesamte amerikanische Cannabisprohibition einem einzigen Mann anzulasten. Anslinger handelte nicht im luftleeren Raum.
Zahlreiche Bundesstaaten hatten bereits Verbote beschlossen. Politiker, Polizeibehörden, Zeitungen und Teile der Gesellschaft teilten die damaligen Vorurteile und Ängste. Auch wirtschaftliche Veränderungen hatten den Nutzhanf schon vor 1937 unter Druck gesetzt.
Ebenso wenig belegt ist die populäre Erzählung, Anslinger habe ausschließlich im Auftrag der Baumwoll-, Papier- oder Chemieindustrie gehandelt. Für eine zentral gesteuerte Verschwörung zur Ausschaltung von Nutzhanf fehlen belastbare historische Nachweise.
Doch diese Einschränkungen entlasten Anslinger nicht.
Belegt ist seine maßgebliche Rolle bei der politischen und medialen Eskalation. Als Chef einer Bundesbehörde verlieh er Gerüchten, Einzelfällen und Vorurteilen den Anschein amtlich bestätigter Wahrheit.
Er verfügte über die Autorität des Staates.
Anslinger hatte Zugang zum Kongress.
Er konnte Medien mit spektakulären Fällen versorgen.
Und er nutzte diese Möglichkeiten, um ein Bild von Cannabis zu verbreiten, das mit einer ausgewogenen Bewertung der tatsächlichen Risiken kaum noch etwas zu tun hatte.
Aus Panik wurde Politik.
Aus Politik wurde Gesetz.
Und aus einer seit Langem bekannten Heil-, Genuss- und Nutzpflanze wurde der amerikanische Staatsfeind.
Anslingers Propaganda überlebte ihren Schöpfer
Der Marihuana Tax Act wurde 1969 vom Obersten Gerichtshof aus verfassungsrechtlichen Gründen zu Fall gebracht. Bereits 1970 ersetzte ihn der Controlled Substances Act.
Cannabis wurde darin in Schedule I eingeordnet, die strengste bundesrechtliche Kategorie. Damit wurde der Pflanze offiziell ein hohes Missbrauchspotenzial, keine anerkannte medizinische Verwendung und fehlende Sicherheit selbst unter ärztlicher Aufsicht zugeschrieben.
Die Logik der Prohibition setzte sich fort: maximale staatliche Kontrolle, massive strafrechtliche Konsequenzen und erhebliche Hindernisse für medizinische Forschung.
Anslinger starb 1975.
Das von ihm entscheidend mitgeprägte Bild der mörderischen, wahnsinnig machenden Teufelsdroge überdauerte ihn jedoch um Jahrzehnte.
Sein politischer Erfolg bestand nicht darin, Cannabis objektiv zu bewerten. Er bestand darin, eine komplizierte Realität durch eine einfache Horrorgeschichte zu ersetzen.
Risiken wurden zu Gewissheiten.
Einzelfälle wurden zu Beweisen.
Vorurteile wurden zu amtlichen Erkenntnissen.
Und rassistisch aufgeladene Angstmache wurde zur Grundlage staatlicher Drogenpolitik.
Harry J. Anslinger erfand Cannabis nicht.
Aber er half entscheidend dabei, das Monster zu erschaffen, für das die Pflanze anschließend gehalten wurde.
Quellen und weiterführende Literatur
- Harry S. Truman Library: Harry J. Anslinger Papers – Archivbestand mit Korrespondenz, Zeitungsausschnitten, Memoranden und weiteren Dokumenten aus Anslingers Tätigkeit als Leiter des Federal Bureau of Narcotics.
- Bridgeman, M. B. und Abazia, D. T.: Medicinal Cannabis: History, Pharmacology, and Implications for the Acute Care Setting – Überblick über die medizinische Nutzung von Cannabis, die Aufnahme in die United States Pharmacopeia im Jahr 1850 und die Entfernung im Jahr 1942.
- McCoy, K. L.: Racism and Its Effect on Cannabis Research – Fachbeitrag zur rassistischen und fremdenfeindlichen Prägung der amerikanischen Cannabisprohibition und ihren Auswirkungen auf Forschung und Gesellschaft.
- United States Congress: Unlocked Potential? Small Businesses in the Cannabis Industry – Kongressanhörung mit einer historischen Einordnung des Marihuana Tax Act und Auszügen aus Anslingers Aussagen über die angeblichen Wirkungen von Cannabis.
- Musto, David F.: The Marihuana Tax Act of 1937 – historische Untersuchung zur Entstehung des Gesetzes, zu den Kongressanhörungen und zum Widerstand des AMA-Vertreters William C. Woodward.
- Mayor’s Committee on Marihuana: The Marihuana Problem in the City of New York – LaGuardia-Bericht von 1944 über die medizinischen, psychologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen des Cannabiskonsums in New York.
- Brooks, Emily: Marijuana in La Guardia’s New York City: The Mayor’s Committee and Federal Policy, 1938–1945 – wissenschaftliche Aufarbeitung des LaGuardia-Berichts und des Konflikts mit der Bundesdrogenbehörde.
- Bewley-Taylor, David R.: Correcting Popular Misconceptions About the Origins of the Marihuana Tax Act of 1937 – Untersuchung zu verbreiteten Fehlannahmen über Anslingers Rolle und eine angeblich koordinierte Verschwörung der Papier-, Chemie- oder Baumwollindustrie.
Stand: 08.2026

