Cannabisblätter rücken stärker in den Fokus der Forschung

Die Blüten stehen bei Cannabis meist im Rampenlicht, die Blätter gelten dagegen häufig als Nebenprodukt. Doch ausgerechnet dieser wenig beachtete Teil der Pflanze beschäftigt die Forschung zunehmend. Mehrere 2026 veröffentlichte Studien untersuchen inzwischen genauer, welche bioaktiven Pflanzenstoffe in Cannabisblättern stecken und wie sich dieses bislang wenig genutzte Pflanzenmaterial verwerten lässt.

Erst im September 2026 untersuchte ein Forschungsteam die phenolischen Inhaltsstoffe von Cannabisblättern und Blütenständen. Dabei wurden 32 Verbindungen aus verschiedenen Stoffklassen identifiziert, darunter phenolische Säuren, Flavonoide und weitere Pflanzenstoffe. Die Blatt- und Blütenextrakte zeigten zudem in verschiedenen Labortests antioxidative Eigenschaften. Die Ergebnisse belegen allerdings keine gesundheitliche Wirkung beim Menschen – sie zeigen vor allem, wie chemisch vielfältig das Pflanzenmaterial ist.

Bereits im Februar 2026 hatte eine im Fachjournal Scientific Reports veröffentlichte Untersuchung vier nicht berauschende Hanfsorten detailliert analysiert. Die Forschenden fanden unter anderem verschiedene Cannabinoide, Cannflavine, Terpene und weitere Pflanzenstoffe. Besonders auffällig waren der erstmalige Nachweis und die Charakterisierung von Squalen in den Blättern von Hanf. Cannflavine gehörten gleichzeitig zu den wichtigsten nicht-cannabinoiden phenolischen Verbindungen der untersuchten Blätter.

Damit setzt sich 2026 eine Entwicklung fort, für die eine Studie der südafrikanischen Universität Stellenbosch bereits 2025 besonders interessante Hinweise geliefert hatte.

79 Pflanzenstoffe – darunter seltene Flavoalkaloide

Für die im Journal of Chromatography A veröffentlichte Arbeit untersuchten Magriet Muller und André de Villiers Blätter und Blütenstände von drei kommerziell angebauten Cannabissorten.

Mit aufwendigen chromatografischen und massenspektrometrischen Verfahren konnten sie insgesamt 79 phenolische Verbindungen vorläufig identifizieren. 25 davon waren zuvor noch nie in Cannabis beschrieben worden.

Besonders bemerkenswert: 16 dieser 25 Verbindungen wurden als Flavoalkaloide eingeordnet. Diese Stoffgruppe kommt in der Natur vergleichsweise selten vor und war zuvor überhaupt nicht in Cannabis nachgewiesen worden. Die Flavoalkaloide fanden sich vor allem in den Blättern einer der drei untersuchten Sorten.

Genau hier liegt allerdings auch eine wichtige Einschränkung: Die Forschenden konnten die chemische Struktur der Alkaloid-Anteile anhand ihrer Daten nicht zweifelsfrei bestimmen. Deshalb sprechen sie ausdrücklich von einer vorläufigen Identifizierung.

Was können diese Pflanzenstoffe?

Phenolische Verbindungen bilden eine große Gruppe natürlicher Pflanzenstoffe. Dazu gehören beispielsweise Flavonoide, die seit Langem wegen ihrer biologischen Eigenschaften untersucht werden.

Viele dieser Stoffe zeigen unter Laborbedingungen antioxidative oder entzündungshemmende Aktivitäten. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch ableiten, dass Cannabisblätter eine entsprechende medizinische Wirkung besitzen.

Gerade bei den 2025 beschriebenen Flavoalkaloiden ist Zurückhaltung angebracht: Die Studie untersuchte weder ihre Wirkung auf Menschen noch einen möglichen therapeutischen Nutzen. Die genaue chemische Struktur einiger dieser Verbindungen ist zudem noch nicht abschließend geklärt.

Auch die hier genannten Untersuchungen aus dem Jahr 2026 beantworten diese konkrete Frage nicht. Sie erweitern stattdessen das Gesamtbild: Cannabisblätter enthalten neben Cannabinoiden eine breite Palette weiterer Stoffe, die wissenschaftlich erst nach und nach genauer untersucht wird.

Cannabisblätter sind mehr als Pflanzenabfall

Die neueren Arbeiten verändern deshalb weniger unser Wissen über THC oder CBD als vielmehr den Blick auf die gesamte Cannabispflanze.

Während sich Forschung und wirtschaftliche Nutzung lange hauptsächlich auf Blüten, Cannabinoide und Terpene konzentrierten, geraten zunehmend auch die Blätter und ihre weniger bekannten Inhaltsstoffe in den Fokus. Eine im Mai 2026 veröffentlichte Studie beschäftigte sich beispielsweise gezielt damit, phenolische Verbindungen möglichst effizient aus Cannabisblättern zu gewinnen.

Ob daraus irgendwann neue medizinische, kosmetische oder andere Anwendungen entstehen, ist offen. Von einem nachgewiesenen gesundheitlichen Nutzen der Cannabisblätter kann derzeit keine Rede sein.

Was die Forschung inzwischen aber deutlich zeigt: Das vermeintliche Restmaterial der Cannabispflanze ist chemisch wesentlich interessanter, als sein bisheriger Stellenwert vermuten lässt.

Und möglicherweise ist ein Teil dessen, was in diesen Blättern steckt, noch gar nicht entdeckt.

Quellen

  • Muller, M.; de Villiers, A. (2025): Comprehensive two-dimensional liquid chromatographic analysis of Cannabis phenolics and first evidence of flavoalkaloids in Cannabis. Journal of Chromatography A, Vol. 1754, Article 466023.
  • Marani, M. et al. (2026): Exploring the chemical space around Cannabis sativa L. leaves as a source of bioactive compounds of pharmaceutical interest. Scientific Reports, veröffentlicht am 9. Februar 2026.
  • Salinas Orellana, B. et al. (2026): Sustainable Extraction of Bioactive Phenolic Compounds from Cannabis Leaf Powder from Local Strain of Tucumán, Argentina, to Promote a Circular Economy. Molecules, 31(11), 1845, veröffentlicht am 27. Mai 2026.
  • El Maabiche, O. et al. (2026): Effect of solvent polarity on phenolic antioxidant extraction from Cannabis sativa L. leaves and inflorescences: mixture design optimization and HPLC-DAD/ESI-MS2 profiling. RSC Advances, veröffentlicht am 16. September 2026.

Stand: 09.2026

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