Cannabis wieder kriminalisieren? Warum das den Schwarzmarkt stärkt

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Wer die Entkriminalisierung von Cannabis mit dem Argument zurückbauen will, sie habe Kriminalität gefördert, verdreht Ursache und Wirkung. Nicht die Teillegalisierung hält den illegalen Cannabismarkt am Leben. Das Problem ist, dass Deutschland Erwachsenen zwar Besitz, Eigenanbau und nichtgewerbliche Anbauvereinigungen erlaubt, aber bis heute keine regulären Verkaufsstellen für Konsumcannabis geschaffen hat. Genau diese Lücke stabilisiert den Schwarzmarkt.

Ausgerechnet diese Versorgungslücke wird nun von Gegnern der Reform als Beweis gegen die Entkriminalisierung ausgegeben. Das ist politisch dreist und sachlich schwach. Wer legale Nachfrage nicht durch legale Angebote bedient, darf sich nicht darüber wundern, dass illegale Anbieter weiter Kundschaft haben. Daraus anschließend zu folgern, die Entkriminalisierung sei gescheitert, ist keine seriöse Analyse, sondern eine bequeme Umkehrung der Realität.

Die falsche Diagnose: Nicht die Entkriminalisierung stärkt den Schwarzmarkt

Rechte und rückwärtsgewandte Legalisierungsgegner behaupten, die Cannabisreform habe die Kriminalität steigen lassen. Der Schwarzmarkt boome, kriminelle Strukturen profitierten, die Teillegalisierung müsse deshalb zurückgedreht werden. Diese Erzählung klingt entschlossen, hält einer näheren Betrachtung aber nicht stand.

Die bisherige Evaluation der Reform gibt für solche pauschalen Behauptungen keine belastbare Grundlage. Die Auswirkungen auf organisierte Kriminalität lassen sich noch nicht abschließend bewerten. Zugleich gibt es Hinweise darauf, dass Eigenanbau und der gestiegene Bezug von Medizinalcannabis über Apotheken den illegalen Markt eher schwächen könnten, solange der Konsum insgesamt nicht erheblich zunimmt.

Schon dieser Befund zeigt, wie schief die politische Zuspitzung liegt. Es ist etwas völlig anderes, offene Fragen zur tatsächlichen Entwicklung des Schwarzmarkts zu benennen, als öffentlich zu behaupten, die Entkriminalisierung habe Kriminalität gefördert. Letzteres ist nicht vorsichtig, sondern bewusst verzerrend.

Deutschland hat entkriminalisiert, aber keinen echten legalen Konsummarkt geschaffen

Der entscheidende Konstruktionsfehler liegt nicht in der Entkriminalisierung selbst, sondern in ihrer Unvollständigkeit. Für nicht-medizinischen Cannabiskonsum gibt es in Deutschland derzeit im Wesentlichen zwei legale Bezugswege: privaten Eigenanbau und die Weitergabe über nicht-gewerbliche Anbauvereinigungen.

Daneben hat der Bezug von Medizinalcannabis über Apotheken deutlich an Bedeutung gewonnen. Rechtlich handelt es sich dabei jedoch um einen gesonderten medizinischen Bereich, nicht um einen regulären Markt für Genusscannabis. Eine ärztliche Verordnung ist kein Ersatz für lizenzierte Verkaufsstellen, die erwachsenen Konsumenten außerhalb einer medizinischen Indikation offenstehen.

Genau solche Verkaufsstellen fehlen. Es gibt keine Cannabisfachgeschäfte, keine regulierten Abgabestellen mit offenem Zugang für volljährige Konsumenten, keine legale Einzelhandelsstruktur, die mit dem illegalen Markt in größerem Umfang konkurrieren könnte. Anbauvereinigungen sind ausdrücklich nicht gewinnorientiert organisiert und ersetzen keinen normalen Verkaufsmarkt. Eigenanbau wiederum ist für viele Menschen praktisch keine echte Option: Nicht jeder hat Platz, Zeit, Geduld oder das Interesse, Pflanzen selbst zu kultivieren.

Das Ergebnis ist absehbar. Ein Teil der Nachfrage wird legal gedeckt, ein anderer Teil nicht. Wo der legale Markt nicht erreichbar oder nicht vorhanden ist, bleibt der illegale Markt im Spiel. Wer diesen Zustand beklagt, muss über legale Verkaufsstellen sprechen. Wer stattdessen die Entkriminalisierung angreift, verschiebt die Debatte vom eigentlichen Problem weg.

Um Dealer zu schwächen, braucht es legale Verkaufsstellen

Die sachliche Konsequenz aus der bisherigen Entwicklung lautet nicht Rückabwicklung, sondern Vervollständigung der Regulierung. Lizenzierte Verkaufsstellen für Cannabis würden erwachsenen Konsumenten eine kontrollierte Alternative zum Schwarzmarkt bieten. Dort ließen sich Alter, Produktqualität, Herkunft, THC-Gehalt, Kennzeichnung und Abgabe deutlich besser kontrollieren als bei irgendeinem Hinterhofdealer oder in anonymen Messenger-Gruppen.

Die Grundlogik ist denkbar einfach:
Jeder legale Kauf, der einen illegalen Kauf ersetzt, entzieht dem Schwarzmarkt Umsatz.

Das schwächt organisierte Kriminalität nicht automatisch über Nacht. Aber es nimmt ihr Marktanteile. Dealer leben nicht von politischen Schlagworten, sondern von Nachfrage. Wenn der Staat diese Nachfrage bewusst aus legalen Strukturen heraushält, bleibt sie für illegale Anbieter wertvoll. Wenn er ihr einen kontrollierten legalen Weg öffnet, verliert der Schwarzmarkt einen Teil seines Geschäftsmodells.

Internationale Erfahrungen stützen diese Logik. Dort, wo legale Cannabisabgabe gut erreichbar ist und preislich nicht völlig am Markt vorbeigeht, steigt der Anteil legaler Käufe deutlich. Der Schwarzmarkt verschwindet nicht sofort vollständig, aber er verliert an Bedeutung. Genau darum müsste es gehen, wenn die Bekämpfung organisierter Kriminalität ernst gemeint ist.

Der eigentliche Widerspruch der Rückkriminalisierer

Die politische Dreistigkeit liegt darin, dass dieselben Kreise, die reguläre Verkaufsstellen ablehnen oder verhindern, den fortbestehenden Schwarzmarkt anschließend der Teillegalisierung anlasten. Das ist ungefähr so überzeugend, als würde ein Staat den legalen Alkoholverkauf abschaffen, sich über florierende Schwarzbrennerei beklagen und daraus schließen, Erwachsene dürften erst recht keinen Alkohol besitzen.

Bei Cannabis wird diese Logik dennoch regelmäßig bemüht. Die Reform habe versagt, heißt es, weil illegale Strukturen weiter existieren. Tatsächlich wurde aber gerade jener Teil der Reform nicht umgesetzt, der diese Strukturen am stärksten wirtschaftlich unter Druck setzen könnte: ein regulierter, kontrollierter und steuerlich erfasster Verkaufsmarkt.

Der Schwarzmarkt ist also kein überzeugendes Argument gegen die Entkriminalisierung. Er ist ein starkes Argument dafür, die Reform konsequenter zu machen.

Legale Verkaufsstellen würden auch dem Staat Einnahmen verschaffen

Ein regulierter Cannabismarkt hätte nicht nur kriminalpolitische Vorteile. Er würde auch wirtschaftlich einen grundlegenden Unterschied machen. Umsätze, die heute in illegale Kanäle fließen, könnten in legale Unternehmen, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung und staatliche Einnahmen überführt werden.

Eine umfassende Regulierung hätte mehrere fiskalische Effekte:

  • Umsatzsteuer auf legale Verkäufe
  • Unternehmenssteuern und Lohnsteuern
  • mögliche spezifische Cannabisabgaben
  • geringere Belastung von Polizei, Justiz und Verwaltung
  • legale Arbeitsplätze entlang der Wertschöpfungskette

Modellrechnungen kamen bereits vor der Teillegalisierung zu einem jährlichen fiskalischen Gesamteffekt in Milliardenhöhe. Die genaue Summe hängt vom Modell, von Preisen, Steuersätzen und Regulierung ab. Aber die Richtung ist klar: Ein legaler Markt würde nicht nur Dealer schwächen, sondern dem Staat Einnahmen erschließen, die bislang außerhalb jeder Besteuerung bleiben.

Wer Cannabis wieder stärker in die Illegalität drängen will, entscheidet sich also nicht nur gegen Marktregulierung, sondern auch dafür, mögliche Steuereinnahmen und legale Wertschöpfung weiterhin kriminellen Strukturen zu überlassen.

Ein neues Cannabisverbot wäre ein Konjunkturprogramm für Dealer

Die Forderung, Cannabis wieder umfassend zu kriminalisieren, ist deshalb nicht nur rückwärtsgewandt. Sie wäre auch marktpolitisch absurd. Ein neues Verbot würde legale Eigenanbauer, Anbauvereinigungen und erwachsene Konsumenten wieder stärker in illegale oder halblegale Räume drängen. Genau davon profitieren Dealer, Zwischenhändler und organisierte Vertriebsstrukturen.

Die Nachfrage nach Cannabis verschwindet nicht, nur weil der Staat sie erneut mit Strafrecht überzieht. Das hat die jahrzehntelange Prohibition gezeigt. Wer konsumieren will, sucht Bezugswege. Werden legale Wege abgeschnitten oder unnötig erschwert, gewinnen die illegalen Wege.

Ein erneutes Cannabisverbot würde deshalb nicht „Ordnung“ schaffen. Es würde:

  • legale Beschaffungswege zurückdrängen,
  • selbst angebaute oder gemeinschaftlich produzierte Mengen wieder stärker kriminalisieren,
  • Polizei und Justiz erneut mit Konsumdelikten beschäftigen,
  • und vor allem jene Anbieter stärken, die keinerlei Alterskontrolle, keinerlei Produktkontrolle und keinerlei Steuerpflicht kennen.

Ausgerechnet im Namen der Kriminalitätsbekämpfung würde eine Politik betrieben, die kriminellen Verkäufern neue Kundschaft zuspielt. Ein Rückbau der Entkriminalisierung wäre damit nichts anderes als ein Umsatzprogramm für Dealer und ihre Hintermänner.

Kriminalität bekämpfen heißt: Den illegalen Markt wirtschaftlich austrocknen

Wer organisierte Kriminalität im Cannabissektor wirklich schwächen will, muss ihre Einnahmequellen angreifen. Das gelingt nicht dadurch, dass erwachsene Konsumenten wieder kriminalisiert werden. Es gelingt dadurch, dass legale Angebote entstehen, die dem Schwarzmarkt Marktanteile entziehen.

Dazu gehören:

  • kontrollierte Verkaufsstellen für Erwachsene,
  • klare Altersgrenzen,
  • überprüfbare Produktstandards,
  • legale Lieferketten,
  • nachvollziehbare Besteuerung,
  • und eine Regulierung, die nicht nur auf dem Papier existiert, sondern im Alltag tatsächlich nutzbar ist.

Das ist keine naive Liberalisierungsromantik. Es ist die nüchterne Konsequenz aus einem einfachen Befund: Ein illegaler Markt lässt sich nicht dadurch beseitigen, dass legale Alternativen verhindert werden.

Fazit: Die Rückkehr zum Verbot würde genau das stärken, was angeblich bekämpft werden soll

Die deutsche Cannabisreform ist unvollständig. Sie hat Besitz und Eigenanbau neu geordnet, Anbauvereinigungen ermöglicht und gleichzeitig auf einen echten regulären Verkaufsmarkt verzichtet. Genau deshalb besteht der Schwarzmarkt weiter.

Wer diesen Befund ernst nimmt, fordert nicht die Rückkehr zur alten Verbotspolitik, sondern eine schlüssige zweite Stufe: lizenzierte Verkaufsstellen, klare Kontrollen, verlässliche Produktstandards und eine steuerlich erfasste legale Wertschöpfung.

Die Gegenposition ist das Gegenteil von pragmatisch. Sie nimmt ein durch unvollständige Regulierung fortbestehendes Problem, erklärt es zur Folge der Entkriminalisierung und schlägt als Lösung genau jene Politik vor, die den Schwarzmarkt jahrzehntelang groß gemacht hat.

An Dreistigkeit ist das schwer zu überbieten. An politischer Klugheit ebenfalls – allerdings im negativen Sinn.

Quellen

Bundesministerium für Gesundheit: Fragen und Antworten zum Cannabisgesetz
Offizielle Erläuterungen zur geltenden Rechtslage: privater Eigenanbau, Anbauvereinigungen, Weitergabe zu Konsumzwecken sowie das fortbestehende Verbot von Versand, Lieferung und Onlinehandel mit Konsumcannabis.

Bundesministerium für Gesundheit: Evaluation des Konsumcannabisgesetzes – EKOCAN
Offizielle Projektseite zur wissenschaftlichen Evaluation des KCanG. Relevant für die Einordnung, dass das Gesetz privaten Eigenanbau und gemeinschaftlichen, nicht-gewerblichen Anbau in Anbauvereinigungen legalisiert hat.

Universität Tübingen / EKOCAN: Neue Zwischenergebnisse zur Evaluation des Konsumcannabisgesetzes, 1. April 2026
Zweiter Zwischenstand zur Wirkung der Teillegalisierung. Relevant für die Aussagen, dass die Auswirkungen auf organisierte Kriminalität noch nicht abschließend bewertbar sind und Eigenanbau sowie der gestiegene Apothekenbezug von Medizinalcannabis bei ausbleibendem erheblichem Konsumanstieg auf eine schrumpfende Bedeutung des Schwarzmarkts hindeuten könnten.

Justus Haucap / Leon Knoke, DICE Consult und Düsseldorf Institute for Competition Economics: Fiskalische Auswirkungen einer Cannabislegalisierung in Deutschland, 2021
Modellrechnung zu möglichen fiskalischen Effekten einer umfassenden Cannabisregulierung. Die Studie beziffert den jährlichen positiven Gesamteffekt aus Steuereinnahmen und eingesparten Strafverfolgungs- sowie Justizkosten auf rund 4,7 Milliarden Euro.

David Hammond et al.: Transitions to legal cannabis markets – Legal market capture of cannabis expenditures in Canada following federal cannabis legalization, International Journal of Drug Policy, 2025
Studie zur Verlagerung von Cannabis-Ausgaben vom illegalen in den legalen Markt in Kanada. Fünf Jahre nach der Legalisierung entfielen rund 78 Prozent der Cannabis-Ausgaben auf legale Quellen. Als wesentliche Faktoren werden der Zugang zu legalen Verkaufsstellen und konkurrenzfähige Preise hervorgehoben.

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