Bierzelthetze statt ehrlicher Drogenpolitik

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Markus Söder spricht über Cannabis nicht wie ein nüchterner Regierungschef, sondern seit Jahren wie ein politischer Erregungsunternehmer. Mal ist die Cannabis-Legalisierung für ihn ein „schwerer Fehler“, dann fragt er, warum die Ampel „so high“ sei. Mal ruft er „Bayern wird kein Kiffer-Paradies!“, mal erklärt er im Fernsehen: „Das Ganze ist ein einziger Quatsch!“ Und als Krönung sagt er über Menschen, die beim Thema Cannabis lockerer denken, sie seien „woanders besser aufgehoben als in Bayern“. Das ist keine differenzierte Debatte. Das ist eine Mischung aus Spott, Abwertung und kulturkämpferischer Pose.

Besonders entlarvend ist dabei die Wortwahl. Söder spricht eben nicht nur abstrakt über ein Gesetz. Er benutzt Begriffe, die direkt auf Milieus und Menschen zielen: „Kiffer-Paradies“, „Kiffen in Biergärten und auf Volksfesten verbieten“, maximal restriktiv, hart durchgreifen, falsche Signale. Das Muster ist immer gleich: Cannabis wird nicht nur kritisiert, sondern symbolisch herabgesetzt. Aus einer politischen Position wird so eine moralische Abgrenzung nach unten. Genau deshalb wirkt sein Ton nicht wie Aufklärung, sondern wie Stimmungsmache.

Und genau an diesem Punkt kippt seine Linie in offene Doppelmoral. Denn während Cannabis bei Söder mit Alarmvokabular, Feindbildsprache und Verächtlichmachung behandelt wird, taucht Alkohol in seiner öffentlichen Inszenierung als Brauchtum, Stimmung und Lebensfreude auf. Auf der offiziellen Seite der Bayerischen Staatsregierung wird Söder zum Maibockanstich 2024 mit den Worten zitiert: „Starkes Bier und starke Reden“; der Abend sei geprägt von „Brauchtum und Lebensfreude“. Bereits 2022 lud die Bayerische Staatsregierung unter seiner Beteiligung zum Berliner Oktoberfest-Auftakt mit „Oktoberfestbier“ und Wiesn-Schmankerln. Und in einem späteren öffentlichen Post heißt es zur Wiesn sogar: „Lebensfreude pur“. Wer so kommuniziert, kann schwer glaubhaft behaupten, hier gehe es nur um eine neutrale, rein gesundheitsbezogene Risikobetrachtung.

Das eigentliche Problem ist also nicht, dass Söder Cannabis kritisch sieht. Das darf er. Das Problem ist, wie er es tut. Bei Alkohol, also bei einer Substanz, die gesellschaftlich tief verankert ist, wird der Ton weich, warm und heimatverliebt. Bei Cannabis wird er hart, höhnisch und abschreckend. Bier bekommt Brauchtum. Cannabis bekommt den Pranger. Alkohol wird in Festzeltromantik eingebettet, Cannabis in Ordnungswidrigkeitenrhetorik. Wer so argumentiert, betreibt keine saubere Drogenpolitik, sondern politische Folklore mit doppeltem Boden.

Dabei ist ausgerechnet Alkohol gesundheitlich alles andere als harmlos. Die WHO hält ausdrücklich fest, dass es kein sicheres Maß des Alkoholkonsums gibt. Alkohol ist laut WHO eine toxische, psychoaktive und abhängigkeitserzeugende Substanz; außerdem ist er als Karzinogen der Gruppe 1 eingestuft. Er spielt eine kausale Rolle bei mehr als 200 Krankheiten, Verletzungen und anderen Gesundheitsstörungen und war weltweit für rund 2,6 Millionen Todesfälle verantwortlich. Auch bei niedrigen Konsummengen bestehen Risiken.

Für Deutschland sind die Zahlen ebenfalls deutlich. Nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen hatten 2024 rund 3,9 Millionen Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren eine alkoholbezogene Störung. 8,6 Millionen konsumierten Alkohol in riskanten Mengen, 9,5 Millionen berichteten episodisches Rauschtrinken. Wer unter solchen Rahmenbedingungen ausgerechnet beim Cannabis den moralischen Ausnahmezustand ausruft, während Alkohol kulturell geschniegelt und politisch umarmt wird, misst offenkundig mit zweierlei Maß.

Genau deshalb wirkt Söders Linie so unerquicklich. Nicht, weil jede Cannabis-Kritik illegitim wäre, sondern weil sie bei ihm regelmäßig in eine belehrende, abwertende und heuchlerische Pose umschlägt. Wenn derselbe Politiker, der Bier öffentlich mit „Brauchtum und Lebensfreude“ auflädt, Cannabiskonsumenten mit „Kiffer-Paradies“-Rhetorik und dem Satz abspeist, sie seien „woanders besser aufgehoben“, dann ist das keine reflektierte Risikopolitik. Dann ist das Bierzeltmoral in Staatskanzlei-Sprache.

Quellen

Söder-Zitate zu Cannabis

  • „Die Cannabis-Legalisierung ist ein schwerer Fehler. Warum ist die Ampel so high bei einem Gesetz, das für so viel Chaos sorgt?“ – offizieller Söder-Post vom 26.02.2024.
  • „Wir werden das Gesetz extrem restriktiv anwenden.“ – offizieller Söder-Post vom 22.03.2024.
  • „#Bayern wird kein Kiffer-Paradies! Wir greifen mit harten Bußgeldern konsequent durch.“ – offizieller Söder-Post vom 10.04.2024.
  • „Die Cannabis-Freigabe ist ein einziger Quatsch!“ – offizieller Söder-Post zur Maischberger-Sendung vom 09.04.2024; die Formulierung wird außerdem in Medienberichten zur Sendung wiedergegeben.
  • „Wer mit dem Thema Cannabis glücklicher werden will, der ist woanders besser aufgehoben als in Bayern.“ – aus der Berichterstattung zu Söders Auftritt am 26.02.2024 in München.
  • Weitere offizielle Söder-Posts mit derselben Linie: „Für uns ist klar: Bayern wird kein Kiffer-Paradies“ sowie „Keine Macht den Drogen! Die Legalisierung von Cannabis ist einer der großen Fehler“.

Bier-, Wiesn- und Bierzelt-Inszenierung

  • Bayerische Staatsregierung zum Maibockanstich 2024: Söder wird mit „Starkes Bier und starke Reden“ sowie „ein schöner Abend mit Brauchtum und Lebensfreude“ zitiert.
  • Bayerische Staatsregierung zum Berliner Oktoberfest-Auftakt 2022: angekündigt wurden „Oktoberfestbier“ und „Wiesn-Schmankerl“.
  • Offizielle Söder-Posts zur Wiesn/Volksfest-Kulisse: Oktoberfest als Symbol für Lebensfreude, „super Stimmung beim Anstich“, „O’zapft is“.
  • Offizieller Söder-Post zum Maibockanstich: „Starkes Bier, trockener Humor und beste Stimmung“.

Fakten zur Schädlichkeit von Alkohol

  • WHO Europa: Es gibt kein sicheres Maß des Alkoholkonsums für die Gesundheit; das Risiko beginnt ab dem ersten Tropfen.
  • WHO-Factsheet: Alkohol ist eine toxische, psychoaktive und abhängigkeitserzeugende Substanz; weltweit sind rund 2,6 Millionen Todesfälle auf Alkoholkonsum zurückzuführen.
  • WHO-Factsheet: Alkoholkonsum spielt eine kausale Rolle bei mehr als 200 Krankheiten und Gesundheitsstörungen und erhöht das Risiko mehrerer Krebsarten.
  • Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: In Deutschland hatten 2024 rund 3,9 Millionen Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren eine alkoholbezogene Störung; 8,6 Millionen konsumierten Alkohol in riskanten Mengen, 9,5 Millionen berichteten episodisches Rauschtrinken.
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