Reul vs. Cannabis: Altdeutsche Panikmache statt Fakten

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Herbert Reul kennt die Antwort meistens, bevor die Daten vorliegen: Cannabis ist gefährlich, Lockerung ist Kontrollverlust und Repression ist die Lösung. Seit Jahren warnt der nordrhein-westfälische Innenminister vor Einstiegsdrogen, Verkehrstoten, überforderter Polizei und organisierter Kriminalität.

Im Juli 2026 ging Reul noch weiter. Er erklärte, die Cannabisreform habe das Drogenproblem „sogar verschärft“. Auf die ausdrückliche Frage, ob er einen Zusammenhang zwischen Cannabis und mehr Todesfällen durch Kokain und Heroin sehe, antwortete er zunächst mit „Ja“.

Belegt hat er diesen Zusammenhang nicht.

Reuls Problem ist nicht, dass er Risiken benennt. Cannabis kann Jugendlichen schaden, die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen und bei einem Teil der Konsumierenden problematisch werden. Sein Problem ist, dass er aus nahezu jedem drogenpolitischen Problem ein Argument gegen Cannabis baut – selbst wenn es um Crack, Heroin oder Kokain geht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Reul vermischt Cannabis regelmäßig mit wesentlich riskanteren Substanzen und Märkten.
  • 2023 erreichte NRW mit 872 registrierten Drogentoten einen Höchststand – vor Inkrafttreten des Cannabisgesetzes.
  • 2025 wurden 709 Drogentote registriert. Das sind immer noch erschütternd viele, aber deutlich weniger als 2023.
  • Beim problematischen Cannabiskonsum Jugendlicher zeigte sich zwischen 2023 und 2025 keine unmittelbare signifikante Veränderung.
  • Auch beim Fahren unter Cannabiseinfluss wurde kurzfristig kein signifikanter Legalisierungseffekt festgestellt.
  • Reuls Antidrogenpolitik erzeugt starke Bilder. Einen überzeugenden Erfolgsnachweis liefert sie nicht.

Cannabis als Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat

Im WDR-Interview vom 1. Juli 2026 sprach Reul über offene Drogenszenen, Crackabhängigkeit und 709 Drogentote in Nordrhein-Westfalen. Im selben Gespräch erklärte er, die Cannabislegalisierung habe das Drogenproblem nicht gelöst, sondern verschärft.

Der WDR fragte nach:

„Sehen Sie denn wirklich einen simplen Zusammenhang zwischen Cannabis und mehr Toten durch Kokain und Heroin?“

Reuls Antwort begann mit:

„Ja.“

Danach wich er auf eine allgemeinere Argumentation aus. Die Legalisierung habe das Problem „von immer mehr Drogen“ zumindest nicht gelöst, Drogen seien gesellschaftlich verharmlost worden und in den Niederlanden habe sich organisierte Kriminalität ausgebreitet. Schließlich warnte er davor, „die Leine loszulassen“.

Die Cannabisreform hatte allerdings nie den Zweck, Crack-Szenen aufzulösen, Heroinüberdosierungen zu verhindern oder den internationalen Kokainhandel zu stoppen. Sie sollte den Umgang mit Cannabis verändern: Erwachsene teilweise entkriminalisieren, Eigenanbau ermöglichen, Anbauvereinigungen zulassen und einen Teil der Nachfrage vom illegalen Markt wegführen.

Der Reform vorzuwerfen, sie habe das Heroinproblem nicht gelöst, ist ein sachfremder Maßstab. Nach derselben Logik könnte ein Tabakgesetz dafür verantwortlich gemacht werden, dass weiterhin Menschen an Alkoholabhängigkeit sterben.

Reul betreibt hier keinen sauberen Vergleich. Er stellt Cannabis neben Crack, Kokain, Heroin, Drogentote und Mafia, bis alles wie ein einziges Bedrohungspaket erscheint.

Politisch funktioniert das. Inhaltlich ist es ein Kurzschluss.

Die Drogentoten passen nicht zu Reuls Erzählung

Im Jahr 2017, als Reul Innenminister wurde, registrierte Nordrhein-Westfalen 204 Rauschgifttote. Danach stieg die Zahl erheblich:

JahrRegistrierte Rauschgifttote
2017204
2018240
2019292
2020401
2021693
2022703
2023872
2024769
2025709

Die offiziellen Jahreswerte bis 2024 stammen aus einer Antwort der NRW-Landesregierung. Dort wird zugleich darauf hingewiesen, dass Drogentodesfälle nur teilweise polizeilich bekannt und erfasst werden. Die Zahl für 2025 nannte der WDR unter Berufung auf die aktuellen Daten.

Diese Zahlen beweisen nicht, dass Herbert Reul den Anstieg verursacht hat. Suchtpolitik hängt auch von Gesundheitsversorgung, Sozialpolitik, Wohnungslosigkeit, psychiatrischen Angeboten, internationalen Märkten und Bundesgesetzen ab.

Sie beweisen aber ebenso wenig, dass die Teillegalisierung von Cannabis das Problem verschärft hat.

Der Höchststand wurde 2023 erreicht – nach mehr als sechs Jahren Reul und vor Inkrafttreten des Cannabisgesetzes. In den beiden folgenden Jahren sank die Zahl.

Auch dieser Rückgang kann nicht einfach der Reform zugeschrieben werden. Er entzieht Reuls Behauptung aber die scheinbar eindeutige Grundlage.

Vor allem zeigt die Entwicklung: Reul argumentiert nicht aus einer Position drogenpolitischen Erfolgs. Wer über Jahre Kontrolle, Sanktion und Strafverfolgung als zentrale Antworten verkauft, muss sich fragen lassen, warum sich die Zahl der registrierten Drogentoten während der eigenen Amtszeit zunächst mehr als vervierfachte.

Die Bilanz lautet nicht, dass Reul für jeden Todesfall verantwortlich wäre. Die Bilanz lautet, dass seine Politik keinen Grund für die Pose des erfolgreichen Law-and-Order-Retters liefert.

Was die bisherigen Daten zur Cannabisreform tatsächlich zeigen

Die bisherigen Untersuchungen ergeben weder das Bild einer gelungenen Komplettreform noch das von Reul beschworene Desaster.

Die Drogenaffinitätsstudie 2025 des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit stellte zwischen 2023 und 2025 keine unmittelbare Veränderung beim problematischen Cannabiskonsum Jugendlicher fest. Auch die wahrgenommene Verfügbarkeit von Cannabis erhöhte sich bei den 12- bis 17-Jährigen nicht. Gleichzeitig zeigte jeder neunte konsumierende Jugendliche Hinweise auf einen problematischen Konsum.

Das ist ein klarer Auftrag für Prävention und Beratung. Es ist kein Beleg für einen nach der Reform explodierenden Jugendkonsum.

Auch der zweite EKOCAN-Zwischenbericht kommt zu einem differenzierten Ergebnis. Ein reformbedingter Konsumanstieg sei bislang nicht erkennbar. Grundsätzlich legale Bezugsquellen gewännen moderat an Bedeutung, während die Auswirkungen auf die organisierte Kriminalität noch nicht abschließend bewertet werden könnten. Zugleich kritisieren die Forschenden zu wenige Anbauvereinigungen, Probleme rund um Medizinalcannabis, Schwierigkeiten bei der Verfolgung illegaler Händler und rückläufige Frühinterventionen für Jugendliche.

Das Gesetz hat erkennbare Schwächen. Gerade die geringe Zahl funktionierender Anbauvereinigungen verhindert, dass der Schwarzmarkt schneller zurückgedrängt wird. Daraus folgt jedoch nicht, dass die Entkriminalisierung erwachsener Konsumierender falsch war. Es folgt, dass ein halb geöffneter Markt seine Ziele nur halb erreichen kann.

Ähnlich sieht es beim Straßenverkehr aus. Akuter Cannabiskonsum kann die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen. Wer berauscht fährt, gefährdet andere und muss sanktioniert werden.

Eine 2026 veröffentlichte Studie verglich Deutschland mit Österreich und untersuchte die ersten Monate nach der Reform. Weder beim Cannabiskonsum noch beim Fahren unter Cannabiseinfluss ließ sich ein statistisch signifikanter Legalisierungseffekt feststellen. Für langfristige Aussagen ist es noch zu früh – die von Reul angekündigte unmittelbare Verschärfung ist bislang aber nicht nachgewiesen.

Reul hatte sein Urteil bereits gefällt, bevor diese Daten existierten. Dass sie seine Prognosen nicht bestätigen, hat seine Kommunikation erkennbar nicht verändert.

Die „Einstiegsdroge“: viel Zusammenhang, wenig bewiesene Ursache

Reul bezeichnet Cannabis seit Jahren als klassische Einstiegsdroge. Damit entsteht eine einfache Geschichte: Erst kommt der Joint, später kommen Kokain oder Heroin.

Tatsächlich konsumieren Menschen mit Cannabiserfahrung statistisch häufiger auch andere Substanzen. Die National Academies sehen einen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und späteren Problemen mit anderen legalen oder illegalen Drogen.

Ein statistischer Zusammenhang beweist jedoch nicht, dass Cannabis die Ursache ist. Gemeinsame Risikofaktoren können eine erhebliche Rolle spielen: früher Alkohol- und Nikotinkonsum, psychische Belastungen, das soziale Umfeld, hohe Risikobereitschaft oder ein generell leichter Zugang zu illegalen Substanzen. Die Forschung selbst weist auf begrenzte Evidenz und offene Fragen bei Konsumreihenfolgen und Kausalität hin.

Genau diese Unsicherheit verschwindet in Reuls politischer Übersetzung. Aus „Menschen mit bestimmten Risikofaktoren konsumieren häufiger mehrere Substanzen“ wird „Cannabis führt zu härteren Drogen“.

Hinzu kommt ein Effekt, den Verbotsbefürworter ungern erwähnen: Die Prohibition zwingt Cannabiskonsumierende zu illegalen Händlern. Dort können Cannabis und andere Substanzen über dieselben Kontakte angeboten werden.

Das Verbot trägt damit selbst zur Verbindung verschiedener Drogenmärkte bei.

Ein regulierter Zugang für Erwachsene trennt diese Märkte nicht vollkommen. Er kann aber verhindern, dass jeder Kauf zwangsläufig im kriminellen Umfeld stattfindet. Genau diese Trennung wäre eine ernsthafte Antwort auf die sogenannte Einstiegsdrogen-Problematik.

Die Niederlande sind ein Argument gegen halbe Legalisierung

Reul verweist gerne auf die Niederlande. Dort seien Cannabistoleranz, organisierte Kriminalität und brutale Drogenbanden gemeinsam gewachsen.

Die Probleme in den Niederlanden sind real. Der Schluss, den Reul daraus zieht, ist trotzdem falsch.

Niederländische Coffeeshops dürfen kleine Mengen Cannabis unter strengen Bedingungen verkaufen. Produktion, Großhandel und Belieferung blieben jedoch illegal. Das Cannabis durfte vorne geduldet verkauft werden, musste aber hinten aus einer illegalen Lieferkette kommen.

Die EU-Drogenagentur bezeichnet diesen Widerspruch als „Back-door problem“. Sie weist zudem darauf hin, dass die Coffeeshops ursprünglich dazu dienten, die Märkte für Cannabis und harte Drogen zu trennen. Das Problem war nicht eine vollständig regulierte Lieferkette, sondern deren Fehlen.

Die niederländische Regierung testet deshalb inzwischen eine geschlossene Lieferkette mit lizenzierten Produzenten und qualitätskontrolliertem Cannabis. Untersucht werden die Folgen für Kriminalität, Sicherheit und Gesundheit.

Ausgerechnet Reuls bevorzugtes Warnbeispiel zeigt damit, weshalb konsequente Regulierung notwendig sein kann.

Die organisierte Kriminalität entstand nicht, weil der gesamte Cannabismarkt legal kontrolliert wurde. Sie profitierte davon, dass der sichtbare Verkauf geduldet, der komplette Nachschub aber dem Schwarzmarkt überlassen blieb.

Wer daraus ein Argument für Prohibition macht, verwechselt den Konstruktionsfehler mit der Lösung.

„Knochentrocken“ sanktionieren – und dann?

Im WDR-Interview zeigt Reul kurz, dass er die Grenzen seiner eigenen Politik kennt. Das Wegsperren eines crackabhängigen Menschen löse das Problem nicht. Auch das Verdrängen Abhängiger aus den Innenstädten mache ihre Sucht nicht kleiner.

Dann folgt seine vertraute Antwort:

Wenn Drogen nicht in Ordnung seien, müsse man „knochentrocken“ sanktionieren.

Gleichzeitig sollen Betroffene von der Straße verschwinden, damit Menschen in den Städten sich wohler fühlen. Reul erkennt damit zwar an, dass Abhängigkeit medizinische und soziale Antworten erfordert. Sein politischer Reflex bleibt dennoch die Sanktion.

Strafverfolgung ist gegenüber gewalttätigen Banden und organisiertem Handel notwendig. Sie ersetzt aber keine Suchtmedizin, keine psychiatrische Versorgung, keine Konsumräume, kein Drug-Checking, keine Substitution und keine Wohnung.

Besonders deutlich wird Reuls Weltbild am Ende des Interviews. Die beste Antwort auf Drogen seien junge Menschen, die „so was nicht brauchen“, einen „starken Charakter“ besitzen, selbstbewusst leben und beruflich etabliert sind.

Die Formulierung stellt Konsum und Abhängigkeit indirekt einem Ideal aus Charakterstärke, Disziplin und beruflicher Ordnung gegenüber.

Das ist ein überholtes Suchtbild.

Menschen werden nicht abhängig, weil ihnen Charakter fehlt. Psychische Erkrankungen, Traumata, soziale Isolation, Armut, familiäre Belastungen und biologische Faktoren lassen sich nicht mit moralischen Appellen beseitigen.

Auch gelegentlicher Cannabiskonsum ist kein Test für Persönlichkeit, Leistungsfähigkeit oder gesellschaftliche Tauglichkeit.

Das Cannabisverbot für Polizisten: Law-and-Order als Inszenierung

Nach Inkrafttreten des Cannabisgesetzes kündigte Reul ein grundsätzliches Cannabisverbot für Polizistinnen und Polizisten an. Er entwarf das Bild von Beamten, die „vollgedröhnt“ zum Dienst erscheinen und anschließend bewaffnet auf die Straße gehen.

Dass Polizeibeamte im Dienst nüchtern und einsatzfähig sein müssen, war nie umstritten. Das gilt ebenso für Alkohol und Medikamente.

Zum Zeitpunkt der großen Ankündigung wusste selbst das Innenministerium noch nicht, wie weit ein Verbot rechtlich in das Privatleben eingreifen könnte. Die Polizeigewerkschaft verwies darauf, dass ein vollständiges Freizeitverbot konsequenterweise auch Fragen zum privaten Alkoholkonsum aufwerfen würde.

Reul machte damit aus einer dienstrechtlichen Selbstverständlichkeit eine symbolische Abwehrschlacht gegen Cannabis.

Das zugespitzte Bild kam zuerst. Die komplizierte Rechtslage folgte danach.

Auch das ist typisch für seine Antidrogenpolitik: maximale Signalwirkung, begrenzter Erkenntnisgewinn.

Cannastreet-Fazit

Herbert Reul behandelt Cannabis nicht wie ein politisches Sachthema, sondern wie ein moralisches Reizwort. Es steht in seiner Argumentation für Kontrollverlust, Verharmlosung und gesellschaftliches Nachlassen – unabhängig davon, ob gerade über Jugendkonsum, Crack-Szenen, Kokainhandel oder Polizeidienstrecht gesprochen wird.

Die bisherigen Daten tragen diese pauschale Anklage nicht.

Die Reform hat Schwächen. Der legale Zugang ist zu begrenzt, Anbauvereinigungen kommen kaum voran, beim Jugendschutz und bei medizinischen Verschreibungen besteht Handlungsbedarf. Das sind Gründe für eine bessere Regulierung, nicht für die Rückkehr zu einer Politik, die Konsumierende kriminalisiert und den Markt kriminellen Händlern überlässt.

Reul liefert starke Bilder und einfache Schuldige.

Was er nicht liefert, ist der Nachweis, dass seine repressive Antidrogenpolitik das Problem besser löst.

Quellen und Datengrundlage

  • WDR: Was tun gegen Drogentote? Herbert Reul im Interview, 1. Juli 2026
  • Landtag Nordrhein-Westfalen, Drucksache 18/16479: Fentanyl, Crack und andere synthetische Drogen, 18. November 2025
  • Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit: Die Drogenaffinität Jugendlicher und junger Erwachsener in Deutschland 2025 – Cannabis
  • Forschungsverbund EKOCAN: Zweiter Zwischenbericht zur Evaluation des Konsumcannabisgesetzes, 1. April 2026
  • Schranz et al.: Short-term effects of cannabis legalisation in Germany on driving under the influence of cannabis, 2026
  • National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine: Cannabis Use and the Abuse of Other Substances
  • European Union Drugs Agency: Cannabis laws in Europe
  • Regierung der Niederlande: Controlled Cannabis Supply Chain Experiment
  • WDR: Geht das? Reul will Cannabis-Verbot für Polizei, 17. April 2024
  • WDR: Cannabis legal – wer soll das alles kontrollieren?, 2. April 2024

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